Station 12: Wutzekeller

Im 19. Jahrhundert vollzog sich in der Krankenhausverpflegung ein fundamentaler Wandel von der bloßen „Armenspeisung“ hin zu einer wissenschaftlich begründeten medizinischen Therapie.

Lange Zeit waren Kranke und Angehörige der irrigen Meinung, durch Zufuhr möglichst großer Nahrungs- und insbesondere Fettmengen könne man einen wesentlichen, positiven Einfluss auf die Heilung der Tuberkulose ausüben. Dies führte zu einer regelrechten Fettmast, und stolz wurde auf 20 oder 30 kg Gewichtszunahme verwiesen. Dies hatte einzig eine unnötige Belastung von Herz und Kreislauf zur Folge. Auch in den Heilstätten Sonnenberg war eine reichhaltige Diät Bestandteil der Kur. Es gab zweimal Frühstück mit Milch, Kakao, Kaffee, Brötchen oder Brot mit Butter. Das Mittagessen bestand aus Suppe, Fleisch, Gemüse, Kartoffeln, häufig Nachtisch, aber stets Bier oder Wein. Nach dem Nachmittagskaffee mit Brot wurde zum Abendessen warmer Braten, Aufschnitt mit Kartoffeln, Tee und Butterbrot gereicht. Vor dem Schlafengehen durfte das Glas Milch nicht fehlen.



Vielleicht war es dieser für die Zeit doch sehr reichhaltigen Verpflegung geschuldet, dass in den ersten Jahren der Heilstätte ein wesentlicher Teil der Patienten mit dem Hinweis „ungeeignet für das Heilverfahren“ entlassen wurde. Die Patienten litten überhaupt nicht an Tuberkulose. Der erste Chefarzt der Heilstätten, Dr. Henssen, sah sich sogar veranlasst, den Landrat darauf hinzuweisen, dass viele der eingewiesenen Patienten der Versicherungsanstalt Rheinprovinz den tuberkulosekranken einheimischen Patienten die Plätze wegnehmen würden. Die Versicherungsanstalt als Darlehensgeber behielt jedoch die Oberhand: 60 % der Bettenkapazitäten blieben den Patienten des Hauptgeldgebers vorbehalten.

Unter dem Einfluss der aufstrebenden Naturwissenschaften entwickelte sich die Verpflegung in Krankenhäusern zu einem zentralen Heilfaktor. Ein entscheidender Wendepunkt war die Entstehung der modernen Diätetik als empirische Disziplin und legte die Basis für bedarfsgerechte Kostformen. Parallel dazu professionalisierte sich die Pflege: Reformerinnen wie Florence Nightingale erkannten, dass Hygiene und eine gezielte Nährstoffzufuhr die Genesungsraten massiv steigerten.

Trotz dieser theoretischen Fortschritte blieb die praktische Umsetzung oft eine Herausforderung. Krankenhausküchen wurden häufig von ungelernten Kräften geführt, was eine Kluft zwischen ärztlichen Diätplänen und der tatsächlichen Speisenqualität entstehen ließ. Dennoch investierten Kliniken enorme Summen in die Verpflegung, die oft bis zu 50 % des Gesamtbudgets ausmachte.

Tatsächlich lag 1948 der Aufwand für die Heilbehandlung bei rd. 1,2 Mio. ffrs. Der Aufwand für Nahrungs- und Genussmittel betrug demgegenüber 12,9 Mio. ffrs. Um die Lebensmittelkosten geringer zu halten, betrieb die Heilstätte nicht nur eine eigene Gärtnerei zum Gemüseanbau, man widmete sich auch der Schweinezucht. Zur Wiedereröffnung der Heilstätten wurden 29 Schweine angeschafft, und deren Anzahl war somit identisch mit der Anzahl der damaligen Mitarbeitenden. 

Zwei geschlachtete Schweine brachten 125 kg Fleisch und 40 kg Wurst, womit man einen Verkaufswert von stolzen 66.700 ffrs erzielte. An diese Zeit erinnert immer noch der so genannte „Wutzekeller“ unterhalb der Zentralküche in Haus 4. In der Zentralküche wird unter dem Motto „Nachhaltig, Achtsam, Vielfältig“ immer noch frisch gekocht. Neben Frühstück und Abendessen werden täglich rund 1.000 Mittagessen ausgegeben. Ernährungsberater, Diätassistenten, Versorgungsassistenten, Köche uvm. sorgen für ein gesundheitsförderndes, ausgewogenes Nahrungsangebot, abwechslungsreich unter Berücksichtigung ökonomischer Gesichtspunkte und neuen Erkenntnissen.