Psychiatrie-Museum

Ein Museum der anderen Art

Wer Zwangsjacken, Zwangsstühle und Elektroschockgeräte erwartet, ist in diesem Haus falsch. Im Klinikum Merzig begegnet dem Besucher eine sehr feinsinnige, künstlerische Inszenierung des Themas Psychiatrie. Keine ermüdende Dokumentation der Vergangenheit sollte dieses Museum werden – nein, ein Ort der Besinnung, des respektvollen Erinnerns an ein einstmals großes Haus und das Schicksal seiner Patienten: das 1876 als Provinzialirrenanstalt errichtete spätere Landeskrankenhaus Merzig.

Es war im Saarland über Jahrzehnte hinweg die zentrale Behandlungsstätte psychisch kranker Menschen. Nach der saarländischen Psychiatriereform im Jahr 1998 wurde es geschlossen, Patienten betreute man fortan landesweit in den Fachabteilungen der Krankenhäuser. Im Klinikum Merzig wurden dafür weitere medizinische Abteilungen eingerichtet. Die Bettenzahl in der Psychiatrie schrumpfte im Laufe der Jahre von 1500 auf 60, ein Stück Geschichte ging dahin.

Ein Konzept gegen das Vergessen musste her. Und so schufen geschichtsbewusste Ärzte und Psychologen, nicht etwa Museumsfachleute, diesen außergewöhnlichen Ort. Er befindet sich seit dem Jahr 2004 auf 200 Quadratmetern im Dachgeschoss des Klinikums. Drei Räume mit fünf inszenierten „Bildern“ sind zu besichtigen.

Außergewöhnlich schlicht und von großer Symbolkraft ist der „Raum mit dem leeren Feld“. Hier soll der Patienten gedacht werden, die nach Merzig kamen und damit für immer ihre soziale Heimat verloren. Noch bis 1978 wurden viele fernab ihres Zuhauses auf dem klinikeigenen Friedhof begraben. Mehrere mit Erde aus verschiedenen saarländischen Landkreisen gefüllte Quadrate sind auf dem Boden ausgestellt – nur eines ist leer: Es steht für jene Merziger Patienten, die in der Nazi-Zeit deportiert und umgebracht wurden und niemals ein eigenes Grab bekamen. Fast 800 waren es.

„Psychiatrie in Raum und Zeit“ zeigt dem Besucher eine Bilddokumentation der Psychiatrie verschiedener Länder und Epochen. So ist etwa über die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte zu lesen, ein Bekenntnis der Vereinten Nationen aus dem Jahr 1948. Erschütternde Bilder zeigen beispielsweise einen angeketteten psychisch kranken Mann in Afrika und überfüllte Krankensäle im Griechenland der 1990er Jahre. Welsch ein Kontrast zum Bild einer Soteria: Diese in den 60er-Jahren in  der Schweiz entwickelte Behandlungsform zeichnet sich durch eine offene, wohnliche Unterbringung der Patienten aus und durch weniger Zwangsmaßnahmen und Medikamente.

Beeindruckend ist die Vorstellung prominenter Psychiatriepatienten im Bild „Der kompetente Mensch“, darunter van Gogh, Churchill, Hemingway, die alle trotz ihrer Krankheit Großes, Bleibendes geschaffen haben. Im Bild „Der verletzte Mensch“ wird die Geschichte psychischer Erkrankungen und der gesellschaftliche Umgang damit über die Jahrhunderte hinweg beleuchtet. Übrigens, schon bei den alten Griechen und Römern gab es Schizophrenie und Depression.

Das letzte Bild schließlich informiert in Fotos, Zeitungsausschnitten, Film- und Tondokumenten über die Klinikpsychiatrie in Merzig von der Zeit der Gründung im 19. Jahrhundert bis zur Auflösung am Ende des 20. Jahrhunderts. Regelmäßige Wechselausstellungen bereichern das Museum, dessen Besonderheit es ist, dass alle Inszenierungen ständig verändert und ergänz werden. Dies geschieht durch die aktive Mitarbeit von Schulen und Hochschulen der Region. Ein Museum, das mahnend zurückblickt und zu Respekt und Toleranz aufruft. Nachdenken und mitgestalten soll man an diesem Ort - und niemals vergessen. Anregungen von Besuchern sind sehr willkommen.

Literaturquelle: Eckart Roloff und Karin Henke-Wendt "Besuchen Sie Ihren Arzt oder Apotheker - Eine Tour durch Deutschlands Museen für Medizin und Pharmazie."