Merzig. Vor rund 30 Gästen beleuchtete Holger Keßler, leitender Arzt der Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Sportmedizin im Merziger SHG-Klinikum, in einem Patientenvortrag die Möglichkeiten und Grenzen operativer Eingriffe an der Schulter. Die Merziger Orthopäden sind unter anderem auf Schulterschmerzen spezialisiert. Von den rund 1.500 Operationen, die die Merziger Orthopäden im Jahr durchführen entfallen etwa 20% auf die Schulter.
Das Schultergelenk ist das komplexeste Gelenk des menschlichen Körpers und das einzige, das einen Bewegungsradius von 360 Grad ermöglicht. Es besteht aus drei knöchernen Partnern und 2 Gelenken und wird im Gegensatz zu anderen Gelenken fast vollständig durch Muskeln und Sehnen stabilisiert. Eine Besonderheit ist die lange Bizepssehne, die das Gelenk durchzieht.
„Deshalb gibt es auch nicht ‚die‘ Schultererkrankung“, betonte Holger Keßler. Ebenso wenig könne man von ‚der‘ Rotatorenmanschette sprechen. Schulterschmerzen erfordern eine präzise Diagnose durch einen erfahrenen Arzt, die stets mit einer klinischen Untersuchung beginnt. Erst danach folgen bildgebende Verfahren wie Sonographie, Röntgen, eventuell MRT und Laboruntersuchungen.
Die Orthopäden unterscheiden zwischen Unfallverletzungen und degenerativen sowie entzündlichen Erkrankungen. Zu den degenerativen Erkrankungen zählen beispielsweise Arthrosen im Schulterhaupt- oder Schultereckgelenk, Fehlstellungen nach Oberarmbrüchen, Entzündungen des Schleimbeutels, Verkalkungen oder Abrieb der Sehnenansätze, chronische Entzündungen der Schulterkapsel oder knöcherne Anbauten im Bereich des Schulterdaches.
Häufig kann der Schmerz durch eine Arthroskopie gelindert werden. Dies ist beispielsweise beim Schulterimpingement der Fall, bei dem sich der Schleimbeutel durch Reibung an knöchernen Anbauten entzündet, bei Rissen in der Rotatorenmanschette oder einer Kalkschulter.
Gute Ergebnisse lassen sich bei einer Arthrose mit einer sogenannten inversen Prothese erzielen, einer Schulterprothese, bei der Kugel und Pfanne vertauscht sind. Hier übernimmt der Deltamuskel die Führung des Gelenks. Diese Prothesen wurden in den letzten Jahren kontinuierlich weiterentwickelt. Anatomische Schulterprothesen bei älteren Patienten hingegen sind heute immer weniger ein Thema, da sie oft zu Bewegungseinschränkungen führen.
Dennoch gilt immer: Zuerst kommt die konservative Therapie mit aktiver Physiotherapie, Schmerzmitteln und gegebenenfalls Cortisoninjektionen in den Schleimbeutel. Wichtig dabei ist, dass der Patient aktiv mitarbeitet. „Und es funktioniert nur, wenn Sie die Hausaufgaben Ihres Physiotherapeuten umsetzen. Sich den Nacken massieren zu lassen, ist keine Therapie, das ist Wellness!“, betonte Keßler. Auch nach einer Operation ist die aktive Therapie entscheidend. Geduld ist bei Schulterschmerzen unerlässlich, wobei sechs Monate Rekonvaleszenz eher die Regel als die Ausnahme sind und die Physiotherapie mit viel Eigentherapie eine notwendige Dauertherapie darstellt.
Eine „Frozen Shoulder“, eine Entzündung der gesamten Schulterkapsel, darf keinesfalls operiert werden, bevor die Entzündung abgeklungen ist. Die „Frozen Shoulder“ muss zunächst ruhiggestellt werden und kann erst in einer späteren Phase mit Physiotherapie behandelt werden, erklärte Keßler.

